angeln-ostfriesland.de
 

Angeln bis der Arzt kommt!

Es ist sehr schön, mit wenig Gepäck ans Wasser zu kommen, um nach ein Paar erholsamen Stunden und hoffentlich einigen schönen Fischen nach Hause fahren zu können. Ebenfalls hat eine Karpfentour im Frühjahr, bei der man morgens schön ausschlafen kann und den ganzen Tag über das rege Treiben der Seebewohner beobachtet, seinen Reiz. Dies sind alles sehr schöne Bedingungen, die das Anglerleben erleichtern. Es geht halt um eine erholsame Zeit am Wasser. Dabei zählt auch für mich nicht nur das Fangergebnis. Einige schöne Stunden am See lassen den Alltagsstress vergessen und man kann neue Kraft schöpfen. Wer den Blick für die Natur verloren hat, tut mir sehr leid! Ich werde in diesem Beitrag jedoch eine andere Seite des Anglerlebens beleuchten, da vielleicht der eine oder andere den Anglersport manchmal auch auf die gleich beschriebene Weise praktiziert.

Wer eine unglaublich lange Zeit auf sein Hobby verzichten musste, sagen wir mal mindestens drei Wochen J, und dann endlich wieder ans Wasser kommt, hat möglicherweise auch schon erlebt, dass man angeln kann und will‚ „bis der Arzt kommt“!

Wir Ostfriesen fahren seit einigen Jahren zum Hechtfischen nach Schweden. Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf das Wort ‚Angelurlaub’, denn es wäre hier falsch angebracht. Diese berühmtberüchtigte Woche gleicht eher einem Vorbereitungstraining für die Olympiade. Nicht, dass wir vom Angeln besessen wären, nein, das sind wir nicht, aber wir nehmen uns in dieser Woche Tag für Tag gegenseitig die Chance, auszuschlafen, lange Angelpausen zu machen oder einfach gar nichts zu tun.

Die ersten Tage kommen die meisten von uns noch recht früh aus dem Bett. Der Mensch kommt unter solch adrenalinträchtigen Tagen mit sehr wenig Schlaf aus! Doch im Laufe der Woche häufen sich dann die Versuche, die ganze Truppe oder zumindest Teile von ihr, zum Ausschlafen zu bewegen. Das ist bis jetzt noch keinem von uns so richtig gelungen. Kommentare der ganz wilden Frühaufsteher wie: „Schlaf ruhig aus, ich nicht! Die eine Woche im Jahr bin ich zum Hechte fangen hier, nicht zum Schlafen!“, sorgen dafür, dass keiner etwas verpassen möchte. Im Stillen habe ich mir schon des öfteren gewünscht, dass uns der starke Wind vielleicht einmal zwangsweise am Fischen hindern möge, aber das ist bis jetzt nicht eingetroffen. An einem Tag vor drei Jahren, ich kann mich noch recht gut erinnern, schien der Wind mein abendliches Gebet erhört zu haben. Schon früh am Morgen konnte man den Wind in unserer Blockhütte laut sausen hören. Ich vermutete, dass wir wohl gemeinschaftlich auf dieses Wasserwagnis verzichten würden. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Betonung auf „gemeinschaftlich“ liegt, da sonst mit Sicherheit keiner die Ruhe gefunden hätte, in den Schlaf zu finden, in der Unsicherheit, der Tag könnte ein echter Hecht-Super-Tag werden. Doch die Freude hielt nicht besonders lang, denn Frank war sich absolut sicher, „man könne doch zumindest mal die Buchten in Hausnähe, im Windschatten austesten. Das sei außerdem einmal die beste Möglichkeit, das nähere Gebiet praktisch zwangsweise zu beangeln“. Dieses Argument verstärkte sich in mir mit den Erinnerungen des letzten Tages, an dem wir so ungeheuer gut abgeräumt hatten. Somit ließ ich mich nicht lange bitten und wir standen schon eine halbe Stunde später unten am Steg. Diese Überredenskünste ließen auch Rudi und Gerrit nicht kalt. Also wagten wir den Ritt durch die Wellen. Dies war der einzige Tag, an dem nur wir vier aufs Wasser fuhren, die anderen „nutzten“ den Sturm zum Ausschlafen. Gut so, denn Frank und ich wären bei dem starken Wind fast in den ewigen Hechtgründen verblieben.

Doch wenn man in dieser Woche unbedingt so früh aus den Federn muß, dann kann man doch zumindest früh Abends zu Bett gehen, oder etwa nicht? Meine Antwort dazu lautet: „Nein“. Das geht leider nicht. Wir fischen nämlich bis zum Sonnenuntergang. Danach wird das Boot entladen, die Klamotten werden sortiert und zum Trocknen aufgehängt. Außerdem haben wir es bis jetzt geschafft, jeden Abend etwas Anständiges zu kochen. Nach dem Essen ist es nun so etwa acht bis neun Uhr. Endlich alles geschafft!! Aber halt, das hätte ich ja fast vergessen: wir müssen alle noch kräftig montieren. Neue Stahlvorfächer und Einhängedrillinge müssen gebastelt werden, die Hauptschnur wird kontrolliert. Nun wird jeder sagen, dass könne man doch schon vor dem Urlaub vorbereiten. Richtig! Das macht auch jeder von uns! Somit bleibt auch das allabendliche Montieren für mich ein unlösbares Mysterium, denn auch ich sitze mit Klemmhülsenzange und Stahlvorfach bewaffnet am Tisch und bastele, was das Zeug hält. Wenn diese Arbeit endlich vorüber ist, wäre da noch das wohl verdiente gemütliche Beisammensein. Dabei werden natürlich bei einem Bier alle wahnsinnig wichtigen Erkenntnisse des Tages gesammelt, ausgefeilt und mit dem tollen Vorsatz, es am nächsten Tag anzuwenden, mit ins Bett genommen. Auf diese Weise schaukelt sich die Müdigkeit bis zu ihrem Höhepunkt am Ende der Angeltour auf. Dass wir nicht übereinander herfallen und uns gegenseitig vom Boot stoßen, liegt mit Sicherheit an unserer Truppe selbst, zumindest gab es noch kein einziges Mal ernsthaften Streit. Das ist gut so und soll so bleiben. Auch wenn wir im nächsten Jahr wieder alles geben, und mit Fug und Recht behaupten können: entspannend wird das nicht!!

 

Auf den nächsten Urlaub!!!

 

@Ralf