angeln-ostfriesland.de
 

Abenteuer Polarkreis 2009

„Persönliche Eindrücke und Erlebnisse, die so außergewöhnlich und prägend sind, dass man darüber viele Jahre sprechen und berichten wird, kann man weder in Worte fassen, noch auf wenige Seiten zwängen!“

Nach fast 10 Jahren Angelurlaub in den schwedischen Schärengärten entschieden wir uns 2008, ein neues Urlaubsziel auszuwählen.

Unsere Wahl fiel auf Norwegen, sind wir doch alle längst vom Zauber Skandinaviens gefangen. Neben der unglaublichen Natur reizte uns in diesem Jahr allerdings auch die Aussicht auf lange Angeltage, neue anglerische Herausforderungen und ein für uns alle unbekanntes Urlaubsland. Schon kurz nach der Buchung Ende 2008 wurden die ersten Treffen organisiert, um möglichst schnell einen Eindruck davon zu bekommen, mit welchen Fischen, welchem Gerät und welchen Bedingungen wir es zu tun bekommen sollten. .

Aber der Reihe nach!

Bei den regelmäßigen Treffen gibt es allerlei Ratschläge von jedem unserer 8 verrückten „Norwegenneulinge“, denn wir haben keine Ahnung, kein entsprechendes Gerät, ja nicht einmal Köder!! Unbeteiligte würden ganz sicher vermuten, wir würden in Norwegen unser 10-jähriges Jubiläum feiern, so zielsicher sind unsere Kommentare aus Foren, Zeitschriften und aus Erzählungen erfahrener Norwegenangler. Es ist äußerst spannend, im Laufe der Wochen zu beobachten, welch unglaubliche Materialschlachten da geführt werden und wer sich auf welche Fischart vorzubereiten versucht. Wir erleben Hochmut und die Hoffnung auf Heilbutts, ebenso wie kurzfristige Zweifel und Aussagen, man müsse auch damit rechnen, nicht einmal seine 15kg Filet zusammen zu bekommen. Im Großen und Ganzen sind wir uns aber einig, dass genug Erfahrung aus anderen Bereichen des Angelns vorhanden sein sollte. So sind wir mit der notwendigen Bootstechnik gut vertraut, kennen sowohl das Hechtfischen in den Boddengewässern und dem Schärengarten Schwedens als auch das Dorschangeln in der Ostsee. Sollte das ausreichen?

Wer Seekarten „lesen“ kann, wird zurechtkommen, darüber sind wir uns zumindest alle einig. Auch steht fest, dass das Ziel möglichst weit im Norden sein sollte, denn wir wissen bereits aus den Foren im Internet, dass die Aussichten dort eher besser sind, als die häufig gewählten Ziele in Südnorwegen. Somit buchen wir zwei Häuser und schnelle 21‘ Boote im Polarcircelen Fiskecamp. Auf der Hinfahrt werden auf halber Strecke ein Hotel gebucht, die Rückfahrt soll durch eine Fährstrecke zwischen Oslo und Frederikshaven erträglicher gestalten werden. Dazu die Planung, welche Route gewählt werden soll, wann, wo welche Fähren benutzt werden müssen, und , und, und. Ich kann nur sagen, wir verbringen allein mit der Ausgestaltung der Fahrt einige Stunden. Jetzt steht nur noch eine Frage im Raum:

Wie bekommen wir unseren Fisch nach Hause? Wir wollen die 15 kg pro Person keinesfalls überschreiten, Gefriertruhe fällt aus Prinzip und Platzgründen aus. Ziel ist es nun, den Fisch für ca. 44 Stunden in einem gefrorenen Zustand zu halten. Wir entscheiden uns für gewöhnliche Boxen aus Styropor speziell für die Fischerei, mit ca. 45 Liter Inhalt. Auf dem ersten Blick ist aber klar:

„Die werden ihren Zweck nicht erfüllen!“ Wir entscheiden uns daher, jeweils mit zwei Personen eine Box zu „teilen“. Darüber hinaus bauen wir in jede Box eine zweite hinein, die ebenfalls mit einem passgenauen Deckel versehen wird. Wir haben somit eine Box in einer Box, die noch ca. 35 Liter Volumen aufweist.

Nachdem nun alles geplant ist, geht die Reise Ende Juli endlich los. Wer eine Autobesatzung kennt, mit der man es 2 Tage in einem Auto aushalten kann, sollte unbedingt einmal mit dem Auto anreisen.

Kleiner Tipp am Rande: „Deeskalationsprinzip?!“

Selten hat man die Chance, mehr von einer Umgebung und die ständigen Wechsel der Natur und Geografie kennen zu lernen, als wenn man ununterbrochen „daneben herfährt“. Wir sind begeistert! Der geplante Zwischenstopp in Schweden erweist sich als unabdingbar, denn nach 19 Stunden Fahrt, sind alle überaus glücklich, ein Bett zu sehen.

Der nächste Tag ist schnell vorüber, so dass wir abends in Zielort Halsa ankommen. Unser Körper schüttet reichlich Adrenalin aus; wir sind voller Erwartung, Tatendrang und Optimismus. Kurz gesagt: alle möchten am liebsten sofort zum fischen auf Meer fahren. Doch es ist bereits Abend und wir sind uns nicht sicher, ob die Bootsübergabe noch möglich ist.

„But don’t have fear, the camp owner is here!” Und er war da!! Immer wenn wir Hilfe, Rat oder Zubehör brauchten, war Tor Arne zur Stelle. Wir haben im Laufe der Jahre viele Urlaubsziele kennengelernt, dieses Camp und der Service von Tor Arne ist konkurrenzlos. Arne ist immer im Hintergrund, nie aufdringlich, aber bei Bedarf jederzeit zur Stelle.

Glücklicherweise bekommen wir spät abends noch Einweisungen in die Boote, Tipps zu den besten Angelstellen und den fängigen Ködern.

Man wird es kaum glauben, aber wir fahren an die Strukturreichen Stellen, lassen unsere Köder zum Grund, der schon zu Beginn nicht immer erreicht werden kann. Der Fischbestand ist so unglaublich, dass man Mühe hat, die richtigen Beschreibungen zu finden. In der ersten Nacht fangen wir bereits Dorsche bis 99cm und zahlreiche Seelachse. Neben diesen Fängen sind wir von der Umgebung wie gefesselt. Die Nacht scheint praktisch in der Dämmerung mit Abendrot „stehen zu bleiben“. Umgeben von 2000m hohen, mit Schnee und Eis bedeckten Bergen stehen wir mit T-Shirts und Pullover bekleidet im Boot und drillen. So etwas hatten wir noch nicht erlebt! Erschöpft von der Anreise fahren wir um 4 Uhr morgens zurück zum Camp, versorgen die Fische und lassen den Angeltag, nein, die Angelnacht Revue passieren. Gegen sechs scheint die Sonne bereits mit aller Kraft und wir sitzen wie auch an allen noch folgenden Morgen auf unserer Terrasse, trinken ein kühles Bier und starren in die Umgebung. Wir fangen in den nächsten Tagen so unglaublich viele Fische, so dass wir uns nach einiger Zeit auf die größeren zu spezialisieren versuchen.

     
 

Es werden neue Ziele gesteckt, bei denen uns Tor Arne mit reichlich Tipps und einem kleinen Zubehörshop allseits zur Seite steht. So fangen wir an der von ihm beschriebenen Stelle sogar einige Rotbarsche und es klappt plötzlich mit den großen Seelachsen…Keiner von uns hatte bis dato einen Fisch an der Angel, der problemlos in einer Flucht 70, 80 Meter Schnur von der Rolle zieht. Wir können unseren Augen kaum trauen, als an der Oberfläche ein Seelachs von 15,5 Pfund auftaucht. Für einige Norwegenspezies mag dieser Fang gewöhnlich sein, für uns Neulinge ist er ein echter Hammer.

   
   

Die Seelachse lassen sich nun häufiger überlisten, schließlich lernen wir Tag für Tag dazu. Wir fangen in jeder Nacht mehrere Fische zwischen 10 und 12 Pfund. Doch auch das Dorschangeln sorgt für Kurzweil, vor allem, wenn man Schwärme kleiner Köhler ausfindig machen kann. Die Köhler bilden dabei so riesige Schwärme, dass es fast unmöglich ist, mit seinem Köder zum Grund zu gelangen. Ist man allerdings dort angekommen, möglicherweise mit einem Köhler als Köderfisch, beißen enorme Dorsche. Gerrit fängt in einer Nacht innerhalb weniger Minuten zwei Dorsche von jeweils 16 Pfund. Kleinere und mittlere Dorsche lassen sich über flacherem Wasser mit Steinen und Seegras in gewaltigen Mengen fangen. Vorteil geringer Wassertiefen ist zudem, dass Fische jederzeit zurückgesetzt werden können. Wir haben ohnehin ein klares Ziel:

Jeder möchte nur möglichst große Fische mitnehmen, auch um den Aufwand beim Filetieren früh morgens möglichst gering zu halten. Wir sind alle überzeugte C&R Angler und es steht nie „Strecke machen“ im Vordergrund.

   
   

 

Erhard hat mit dieser Strategie besonders viel Glück! Wir haben es auf große Seelachse abgesehen und ich manövriere unser Boot etwas weiter in Richtung Ufer. Erhard, der seinen Pilker allerdings gerade ausgeworfen hatte, lässt den Köder im Wasser und die Rute in der Hand. Nach kurzer Fahrt saust Erhard mit krummer Rute und schreiender Rollenbremse am Steuerstand und mir vorbei. Ich stoppte sofort das Boot auf und Erhard beginnt einen großen Fisch zu drillen. Ich stehe voller Erwartung und bereit zur Landung neben ihm, als plötzlich ein gewaltiger Dorsch an der Oberfläche auftaucht. Wir sind außer uns vor Freude und schnell ist das zweite Boot zur Stelle, um den 127 cm langen und 35 Pfund schweren Dorsch zu bewundern.

In den folgenden Tagen fangen wir neben Dorschen und Seelachsen, Fischarten von der Makrele, dem Schellfisch, Lumb, Rotbarsch, Pollak, Hering und der Meerforelle bis zum Wittling.

   

 

Längst hat sich unser Tages-Rhythmus zu einem Nacht-Rhythmus entwickelt. Wir fischen bis morgens, trinken unser „abendliches“ Bier in der Morgensonne und schlafen bis zum Nachmittag. Gegen 14.00 Uhr findet sich schnell eine Bootsbesatzung, die kurz das Mittagessen angelt. Wir essen täglich frischen Fisch und haben tatsächlich KEINEN STRESS in diesem Urlaub. Alles ist sehr entspannt und gemütlich. Das liegt sicherlich auch daran, dass man nicht an feste Zeiten gebunden ist. Wer im Herbst in Schweden nur 9 Stunden Tageslicht hat, davon viel Zeit durch Stellensuche mit dem Boot benötigt, sieht einen Angeltag manchmal schon ab Mittags zu Enden gehen. Dieser Urlaub ist einfach anders, und das sieht jeder von uns so.

Der krönende Abschluß erfolgt dann in der vorletzen Nacht: Wir finden einen Seelachsschwarm, der unsere Boote zu verfolgen scheint. Wir kennen diese unglaublichen Schwarmgrößen mittlerweile zur Genüge von Fischen zwischen 30 und 50 cm. In dieser Nacht haben wir es aber ausschließlich mit großen Fischen zu tun. Wir liegen bei völliger Windstille, Vollmond auf der einen Seite und Abendrot auf der anderen Seite des Horizontes mit beiden Booten ca. 10 Meter auseinander und fangen einen Fisch nach dem anderen. Doppeldrills sind die Regel, es kommt praktisch nicht vor, dass zu einem Zeitpunkt diese Beißphase keiner drillt und einmal drillen tatsächlich 7 von 8 Personen. Warum nur 7? Die 8. Person filmt das Spektakel. Die Bisse sind von unbeschreiblicher Wucht, meist folgt auf einen Fehlbiss direkt die nächste Attacke. Da wir uns mit der Fischentnahme der vergangen Tage zurückgehalten hatten, können wir glücklicher Weise einige große Seelachse mitnehmen.

Wir haben einige Fische im Boot, die nun noch geschlachtet werden müssen, so dass wir früher zum Camp zurück fahren, als die Tage zuvor. Dennoch fällt es uns in dieser Nacht tatsächlich nicht schwer, mitten in der Beißzeit den so tollen Tag zu beenden.

Der nächste Tag startet am späten Nachmittag mit einem gewohnten Fischessen. Wir hatten in der Nacht zuvor reichlich Filets eingefroren und lagen damit pro Person bei ca. 15 kg. Von daher entscheiden wir uns, es am Abend auf Meerforelle und in der Nacht auf Heilbutt zu versuchen.

Ich sage es vorweg, das mit der Meerforelle hat auf Anhieb geklappt. Die eine Bootsbesatzung entscheidet sich nach diesem Highlight, zur Hütte zu fahren, denn unser Rudi hat am folgenden Tag Geburtstag und wir wollen „rein feiern“. Das andere Boot bleibt draußen. Nun sitzen wir also schon gegen 23.00 Uhr auf unserer Terrasse und versuchen, das Erlebte in Worte zu fassen. Wir scherzen nach mehreren Gläsern Wein und dem gefeierten Geburtstag von Rudi bereits darüber, was wohl wäre, wenn das andere Boot in Kürze mit einem Heilbutt als Beute am Steg festmachen würde, als das Telefon klingelt:

„Wir haben es versucht, aber es wollte kein Heilbutt beißen“.

Keiner ist über dieses Ergebnis enttäuscht, denn wir haben ein klares Ziel vor Augen! In der Woche vor uns fing ein Gast einen Heilbutt von 48 kg!!

Der letzte Tag (tatsächlich Tag!) wird genutzt, um einen unvergesslichen Ausflug zum Gletscher Svartisen zu unternehmen. Tor Arne ist so nett, uns mit seinem Boot bis zur Gletscherzunge zu kutschieren. Von hier aus wandern wir gemeinsam zu einer wunderschönen Hütte, die direkt am Fuße des Gletschers und am Ufer des Geltschersees steht. Mit Blick auf dieses Naturwunder und zahlreichen Informationen und Geschichten unseres Gastgebers trinken wir ein eiskaltes „Polarbier“ bei glühender Sonne. Alle würden am liebsten noch immer dort sitzen, aber die Zeit eilt davon und die Abreise naht.

Wir treten Freitagabend gegen 19.00 Uhr unsere lange Heimreise an. Diesmal reisen wir ausschließlich durch Norwegen. Am Samstagabend treffen wir in Oslo ein, statten der Innenstand in Oslo einen Besuch ab, schlagen uns die Bäuche während des obligatorischen „Captain‘s dinner“ voll, feiern etwas auf der Fähre und fallen erschöpft in die Kojen.

Wir treffen um 16.00 Uhr am Sonntag zu Hause ein. Der Fisch ist zu unserer Freude tiefgefroren, es gibt keinerlei großen Schäden, alle sind erschöpft und trotzdem bester Laune. Auch in diesem Jahr gehen wir mit viel Freude auf unsere nächsten Touren auseinander und haben bereits einen Termin für unser nächstes Treffen ausgemacht. Fest steht, dass dieses Ziel bislang einzigartig ist.

Wir sind bereit!!

Viele Grüße, Euer Ralf

 

PS.: Hier und auf unserer Linkseite findet ihr einen Link für das Polarcircelen Fiskecamp. Wir können nur jedem raten: Dieses Camp sollte man mal besucht haben!!!